…war die Frage einer misstrauisch gewordenen Kundin, weil sie in mehreren meiner Veröffentlichungen gelesen habe, es sei prinzipiell möglich, jede Verhaltensauffälligkeit eines Hundes in nur einer einzigen Trainingseinheit korrigieren zu können.

Ich musste die Dame zwar insofern korrigieren, dass ich nicht behaupte, jede, sondern beinahe jede Verhaltensauffälligkeit; also mit wenigen Ausnahmen beispielsweise solcher Fälle, wo die Ursache medizinisch klinischer oder genetischer Natur ist. Diese Fälle sind zwar sehr selten, kommen aber vor.

Trotzdem blieben ihre Skepsis und ihr Misstrauen, denn ich bestätigte ihr nochmal, dass alle bisher von mir behandelten „Problemfälle“ – angefangen bei harmlosen „Macken“ wie Zerren an der Leine oder Bellen wie ein Geisteskranker bis hin zu schwerwiegenderen Problemen wie Aggressionen, Angreifen oder Beißen – tatsächlich in kürzester Zeit korrigierbar seien. Allerdings nur unter Beachtung einer einzigen Bedingung: Eine gute Compliance der Hundebesitzer, also ihre konsequente Therapietreue im Anschluss an das Training.

Aber ich hoffe, weder das eine zu sein, und ich bedaure, noch das andere zu sein. Die Lösung für meinen Therapieansatz ist weder Pseudowissenschaft noch Genialität, sondern findet sich in lapidaren Grundkenntnissen der Kognitions- oder Neurowissenschaft wieder. Nun fühlt sich in diesen Fachgebieten sicherlich nicht jeder gleich zu Hause, aber das ist auch gar nicht notwendig. Denn zum Verstehen reicht es aus, sich den Unterschied zwischen Ausbildung und Erziehung und den sich daraus ergebenden Unterschieden in der Speicherung beider Ergebnisse im Gehirn des Hundes zu vergegenwärtigen.

Das Langzeitgedächtnis des Säugetiergehirns unterscheidet sich u.a. hinsichtlich der beiden Arten:

• Implizites und
• explizites Gedächtnis.

Im impliziten Gedächtnis werden alle Fähigkeiten und Fertigkeiten abgespeichert, die u.U. durch wiederholtes und teilweise mühsames Üben und Trainieren im wahrsten Sinne des Wortes erlernt werden müssen. Dies entspricht in unserem Kontext der Ausbildung. Das sind insbesondere alle motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten und alle solche, bei denen das komplexe Zusammenspiel von Gleichgewicht, Grob- und Feinmotorik unter Berücksichtigung und Verarbeitung einer Vielzahl von unterschiedlichen Sinnesinformationen erfolgt. Eine Besonderheit, und damit eines der wesentlichen Unterschiede zum expliziten Gedächtnisinhalt, besteht darin, dass die jetzt abgespeicherten Ergebnisse dem Zugriff des Bewusstseins entzogen sind. Ein Beispiel aus der menschlichen Natur: Niemand kann einem anderen, der nicht Fahrrad fahren kann, erklären, wie man Fahrrad fährt, obwohl man es mühsam selbst erlernt hat. Und ein Beispiel aus der Hundewelt ist das Konditionieren, also das “Anhängen” von bedingten Reflexen an einen natürlichen Reflex durch externe Stimuli, beispielsweise mittels Leckerli (Stichwort „Sitz, Platz und Co.“), bis der Hund “abgespeichert” hat, dass beide Stimuli zusammengehören.

Anders sieht es aber aus mit dem expliziten Gedächtnis. Hier speichert das Gehirn alle Informationen wie Daten und Fakten, Episoden und Erlebnisse oder Kenntnisse. Es wird auch als das deklarative Gedächtnis bezeichnet und ist damit aber dem Bewusstsein, im Gegensatz zum impliziten, zugänglich. Und zu solchen Speicherdaten zählen auch erlernte Regeln und Überzeugungen.

Eine schöne Metapher zum besseren Verstehen der Zusammenhänge ist das Erlernen des Essens mit Messer und Gabel. Auch dieser Lernprozess vereint sowohl Elemente der Ausbildung als auch der Erziehung. Wollen Kinder dies beherrschen, müssen sie sich einerseits diese Fähigkeiten mühselig nach dem Prinzip „trial and error“ (Versuch und Scheitern) aneignen und werden sicherlich etliche Male die Speise auf dem Weg der Gabel vom Teller bis zum Mund verlieren oder sich die Gabel statt in den Mund in die Nase stechen, abgesehen vom verzweifelten Kampf mit dem scharfen Messer. Schließlich und endlich werden sie es aber irgendwann sogar geschickt bis zur Perfektion beherrschen. Allerdings benötigt dieser Prozess bis zur Beherrschung oder Perfektionierung mehr oder weiniger viel Zeit.

Andererseits muss das Kind aber, nachdem es das Hantieren mit Messer und Gabel unfallfrei beherrscht, noch lange nicht wissen, nach welchen Regeln denn nun mit diesen Gerätschaften zu hantieren ist. Beispielsweise dass die Gabel für gewöhnlich in die linke und das Messe in die rechte Hand zu nehmen ist. Oder dass der Ellbogen nicht auf dem Tisch zu verbleiben hat, wenn die Gabel mit der Speise zum Munde geführt wird und nicht der Mund zur Gabel usw.

Die entscheidende Frage bezüglich des hiesigen Themas sollte nun lauten: Benötigen wir zur Erklärung dieser letztgenannten Regeln Zeit, ähnlich wie beim Ausbilden? Wohl kaum. Hier genügt in der Regel, so die kognitiven Fähigkeiten normal ausgeprägt sind, eine einmalige Erklärung oder Demonstration. Und schon sollte das Kind die Regeln begriffen haben. Je nachdem wie komplex die Regeln sind, muss hier und da vielleicht noch eine kleine Korrektur oder Ergänzung erfolgen, aber das sollte ausreichen, und schon werden die Regeln beherrscht. Das Anwenden dieser Regeln ist dann aber keine Fähigkeit oder Fertigkeit, sondern das Abrufen von Wissen aus dem deklarativen Gedächtnis. Sicherlich wird das Kind auch hier und da mal wieder von den bekannten Regeln abweichen wollen, weil sie nicht in jeder Lebenssituation angenehm zu sein scheinen; aber dann reicht ein kleiner Korrekturhinweis durch Mama oder Papa (Compliance) und schon läuft es wieder.

Da die Resozialisierung eines verhaltensauffälligen Hundes keine Ausbildung ist und demzufolge auch keine bedingten Reflexe mühsam im impliziten Gedächtnis angelegt werden müssen, sondern ihm lediglich bisher ihm offensichtlich nicht erläuterte, besser gesagt demonstrierte Verhaltensregeln im Zusammenleben mit seinem Rudelführer Mensch gezeigt werden müssen, ist dies auch ein relativ kurzzeitiges Unterfangen. Einmal „erklärt“ reicht in der Regel aus.

In den meisten Fällen genügt es, dem Hund zu demonstrieren, dass Herrchen/Frauchen ab sofort zuverlässig und berechenbar für die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse sorgt und sein Entscheidungsspielraum dadurch extrem eingeschränkt ist, er also keine Verantwortung für irgend eine Ressource hat. Wie dies gelingt, zeige ich jedem Interessierten gerne, denn damit verdiene ich mein Geld.

Und jeder wird sehen, dass das nichts mit Hochstapelei oder gar Genialität zu tun hat.

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