oder

Nur ein „geselliger Spaziergang“?

Eine Kundin machte mich auf eine Methode einer angeblichen Hundeerziehung aufmerksam, die viele Hundeschulen anböten und bat mich um meine Expertise. Sie hatte mich zuvor kontaktiert, um ihren „Leinenrabauken“ von seinen „Macken“ zu befreien. Denn – ihren Worten nach – sei mit ihrem Hund ein entspanntes Gassigehen mittlerweile unmöglich geworden und jede Begegnung mit seinesgleichen gipfele in eine Art Überlebenskampf. Und deshalb fragte sie mich, ob ich denn auch solcherart Trainingsmethoden wie den „social walk“ befürworte.

Bevor ich meine Meinung dazu kundtat, reizte es mich jedoch – zugegeben zum wiederholten Male –, mich über diese vollkommen unnötigen Anglizismen, oder besser gesagt Scheinanglizismen, zu echauffieren, denn die Mehrheit der deutschen Muttersprachler sind nachweislich der englischen Sprache eher schlecht als recht mächtig. Was vor über zehn Jahren der Sprachwissenschaftler Dr. Rudolf-Josef Fischer in einer repräsentativen Umfrage beeindruckend bestätigt hat. Es gaben zwar viele der Befragten an, englisch zu sprechen; aber als er dies durch einen Test überprüfte, war die Ernüchterung sehr groß.

Und da stellt sich mir eben immer die Frage, warum bewirbt man – vor diesem ernüchternden Hintergrund – als deutschsprachige Hundeschule seine Dienstleistung, die man ausschließlich im deutschsprachigen Raum anbietet und sich mit ihr sicherlich vorwiegend an eine deutschsprachige Kundschaft wendet, in englischer Sprache? Zumal die Botschaft, die man mit einem solch kurzen und markanten Motto aussenden möchte, möglichst nicht missverstanden werden sollte, um ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Aber diese Gefahr besteht im hiesigen Kontext durchaus. Denn wenn man mit seinem Hund von einer Hundeschule zu einem „social walk“ eingeladen wird, könnte man annehmen, es handle sich um einen „geselligen Spaziergang“. Schaut man sich allerdings die Beschreibungen dessen an, was einen erwartet und zu welchem Zweck das gemeinsame Schlendern mit Hund und Gleichgesinnten erfolgen soll, wird man eines Besseren belehrt. Allerdings hätte man dann eher solch ein Vokabular wie „socialize“ oder socialized“ in der Ankündigung erwarten können.

Oder verbirgt sich dahinter doch eher die Absicht, kritische Fragen hinsichtlich der fachlichen Sinnhaftigkeit solchen Tuns zu umgehen und dem Ganzen schon mal die Aura eines Axioms zu verleihen; also als etwas erscheinen zu lassen, was beweislos als fachlich richtig vorausgesetzt werden kann und nicht mehr bewiesen werden muss?   

Nach dem Motto, wenn du Skepsis oder kritische Fragen umgehen möchtest, verpasse dem, was du machst, einfach ein kerniges und nach Kompetenz klingendes Synonym, so dass der Laie ob einer solch suggerierten wissenschaftlichen Fundiertheit deines Tuns ehrfurchtsvoll in eine Art Demut und Vertrauensseligkeit verfällt, statt kritisch zu hinterfragen, ob das alles überhaupt Sinn macht.  

Aber sei’s wie es sei; kommen wir lieber zur fachlichen Analyse.

Wenn man in einer Suchmaschine die drei Begrifflichkeiten social walk und hunde hintereinander eintippt, erzielt man bis zu 3.110.000 Treffer!! Und wenn man sich die Quellen anschaut, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass jede Hundeschule oder jede*r Hundetrainer*in, die etwas auf sich halten, ein solches Wunderwerk des Hundetrainings anzubieten scheinen.

Was verbirgt sich nun aber dahinter; ich zitiere:

Ziel der Social Walks ist, das Sozialverhalten des Hundes zu verbessern und zu stabilisieren, sowie Aufregung bei Begegnungen mit fremden Hunden und Menschen zu minimieren.

Oder an anderer Stelle (Ich habe mir allerdings erlaubt, die grammatikalischen Fehler zu korrigieren):

Unser gemeinsames Ziel! Stressfreie Spaziergänge, ohne dass dein Hund ausflippt, wenn ein anderer Hund sichtbar ist. Wir üben dies mit anderen Leidensgenossen.

Ich denke, es ist somit unstrittig, dass es sich bei der angebotenen Dienstleistung um eine beabsichtigte Erziehung des Hundes und nicht um seine Ausbildung handeln soll, denn die Intension besteht erklärtermaßen in der Einflussnahme auf das Sozialverhalten. Und damit kann es sich nur um eine Erziehung handeln und nicht um eine Ausbildung, bei der in erster Linie Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Sitz, Platz oder Purzelbäume geübt werden.

Allerdings widerspricht dem ein Passus, der da lautet:

„Da Übung den Meister macht, kann ich leider nicht voraussehen, wie viele Trainingseinheiten wir brauchen.“

Abgesehen von dem Zaunpfahl, mit dem hier gewunken wird, der zahlende Kunde möge sich schon mal gedanklich darauf einstellen, mehrmals mit seinem Delinquenten erscheinen zu müssen, ist dies eher ein Indiz dafür, dass das vorgegebene Erziehungsziel mit den jedoch ungeeigneten Methoden der Ausbildung erreicht werden soll. Denn wenn von Übung und Wiederholung die Rede ist, liegt eine solche Vermutung sehr nahe, da eine Erziehung im Sinne der Sozialisierung in der Regel (bei guter Compliance der Hundehalter*innen) selten eine Wiederholung benötigt.

Aber warum ist meine Skepsis bezüglich einer möglichen Sozialisierung eines nicht erzogenen Hundes während eines gemeinsamen Hundespaziergangs groß? Die Erklärung ergibt sich aus der Beantwortung dreier Fragen:

  1. Worin ist das soziale Verhalten eines Hundes – im hiesigen Kontext ist sein agonistisches Verhalten gemeint – gegenüber seinen Artgenossen oder ihm fremder Menschen begründet, auf das im Rahmen der Erziehung Einfluss genommen werden soll?
  2. Worin muss demzufolge das Ziel einer Erziehung bestehen, um nachhaltig das daraus resultierende soziale Verhalten zu verändern und
  3. Welches Mittel steht dafür zur Verfügung?

Zu 1.: Das agonistische Verhalten eines Hundes, das sich in Aggressionen oder sonstigen störenden Verhaltensweisen bei Begegnungen mit seinesgleichen oder fremden Menschen offenbart, ist ausschließlich in der ihm überlassenen oder übertragenen Verantwortung begründet (eine Ausnahme können pathologisch begründete Fälle bilden). Er fühlt sich quasi zuständig nicht nur für seine eigene Sicherheit, sondern ebenso für die seiner ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen. Daraus resultiert, dass er in Fremden zunächst einmal grundsätzlich Rivalen, Konkurrenten oder potentielle Gefahren vermutet, deren Absichten es abzuklären und sie gegebenenfalls zu verjagen gilt.

Zu 2.: Will man im Rahmen einer Erziehung den Hund nachhaltig von diesem Verhalten „befreien“, muss man ihm den Grund für sein unerwünschtes soziales Verhalten nehmen. Das heißt, man muss ihn von seiner Verantwortung „befreien“.

Zu 3.: Das Mittel, das dafür zur Verfügung steht, bietet nur die Erziehung, jedoch nicht die Ausbildung, die lediglich Fähigkeiten und Fertigkeiten trainiert. Nur die Erziehung verfügt über das Mittel, dem Hund diese Verantwortung zu nehmen. Und dieses Mittel ist die Demonstration und ggf. die Korrektur. Das heißt, die Bezugsperson muss dem Hund deutlich machen, dass ab sofort sie statt seiner für Sicherheit sorgt und es nicht mehr erwünscht ist, dass er dieser Verantwortung nachkommt.

Jedoch alles, was ich über die Abläufe bei den „sacial walks“ in Erfahrung bringen konnte oder sogar selbst beobachtet habe bzw. mir von Kunden berichtet wurde, hat in keiner Weise etwas mit dem von mir genannten Mittel der Erziehung zu tun. Im Gegenteil, es handelt sich ausschließlich um solche der Konditionierung, offensichtlich mit dem Ziel der Gewöhnung. Die Hunde sollen quasi durch Erfahrung lernen, dass offenbar von ihren Rivalen keine Gefahr auszugehen scheint. Unterstützt wird dies einerseits durch Ablenkung und andererseits durch Unterbindung einer direkten Kontaktaufnahme der Hunde untereinander. Ich bezweifle deshalb, dass den Trainer*innen der wahrhaftige und von mir oben genannte Grund des agonistischen Verhaltens überhaupt tatsächlich bewusst ist. Denn dann müsste ihnen auch bewusst sein, dass es unmöglich ist, mittels der Konditionierung einem Hund den Grund für sein Verhalten zu nehmen.

Abgesehen davon, dass es in Fällen, bei denen das in der ihnen überlassenen Verantwortung begründete agonistische Verhalten besonders stark ausgeprägt ist und es zu erheblichen Aggressionen kommt, ohnehin nicht funktioniert, sie von ihrem unerwünschten Verhalten zu befreien, kann es bei relativ harmlosen Fällen jedoch durchaus zu einem Scheinerfolg kommen. Daraus ergibt sich allerdings auch eine Gefahr. Denn bei einer ausreichend langen aneinander Gewöhnung der Hunde – woraus sich übrigens auch die relativ lange Dauer einer solchen Scheinerziehung ergibt – lernen die Hunde lediglich, dass von diesen konkreten Spezies ihrer Gattung und der sie begleitenden Personen momentan keine Gefahr auszugehen scheint. Das betrifft dann aber noch lange nicht alle anderen Hunde oder Menschen, denen sie später irgendwann einmal begegnen werden. Und selbst bezüglich ihrer jetzigen „Sparringspartner“ ist es noch lange nicht gesagt, dass dieses ihnen momentan entgegengebrachte Vertrauen auch für die Zukunft gilt. Diese Beobachtung hat man schon bei Wölfen machen können, die sogar vertraute Mitglieder ihres eigenen Rudels jedes Mal aufs Neue nach ihrer Rückkehr von einem Jagdausflug einer Kontrolle unterziehen, ob ihre friedlichen Absichten auch aktuell noch gelten.

Kurzum, im besten Falle führt eine Methode der Konditionierung, wie sie der „social walk“ offensichtlich eine ist, zu einer temporären Gewöhnung der Hunde aneinander, so dass sie nach mehr oder weniger langen Lernphasen glauben, es bestünde keine Gefahr mehr. Aber auf gar keinen Fall ist den Hunden im Ergebnis eines solchen „geselligen Spaziergangs“ die Verantwortung genommen und die sie deshalb latent immer noch besitzen. Sie wandeln von nun an quasi als kleine Zeitbomben durch die Gegend und wiegen Frauchen oder Herrchen in einer Scheinsicherheit.

Soweit meine harmlose Kritik. Etwas schärfer fällt sie allerdings aus, wenn wir uns das Ganze einmal aus Sicht des Hundes anschauen. Für ihn stellt sich die Situation nämlich völlig anders dar – insbesondere anders, als es die Hundetrainer*innen, die diesen Unsinn anbieten, scheinen zu sehen. Da der Hund sich in der Verantwortung sieht, für Sicherheit zu sorgen, ist sein ganzes Streben darauf gerichtet, zunächst die Absichten der anderen abzuklären und gegebenenfalls zu verjagen. Also versucht er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, sie auf Distanz zu halten oder Kontakt zu ihnen aufzunehmen, was der Laie zumindest am Kläffen und Zerren an der Leine erkennen kann. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt seine psychische Belastungsphase, die sehr deutlich an seinem im Urin nachweisbaren ansteigenden Cortisolspiegel erkennbar ist. Solange der Hund jetzt noch das Gefühl hat, Herr der Lage zu sein, bleibt es bei diesem noch relativ harmlosen psychischen Belastungszustand. Allerdings gerät er durch den dann folgenden Aktionismus seiner Bezugsperson, die ihn an der Wahrnehmung seiner Verantwortung hindert (u.a. auf Anweisung der Hundetrainer*innen), in einen zunehmenden Konflikt. Denn er wird nicht nur an der Wahrnehmung seiner Verantwortung gehindert, sondern erfährt u.U. sogar Sanktionen. Das heißt, er wird für etwas, wofür er eigentlich eine anerkennende Geste erwartet – denn er macht nur seinen Job – reglementiert oder sogar bestraft. Dadurch stellt sich die Situation dem Hund zunehmend als unlösbar dar, was der typische Auslöser von Stress ist. In diesen mentalen Zustand gerät ein Säuger, wenn er das Gefühl hat, keinen Einfluss mehr auf die Situation zu haben und sich dieser hilflos ausgeliefert sieht. Die Folgen sind entweder das Ausweichen in ein Meideverhalten, um der unangenehmen Situation aus dem Wege zu gehen – was der Laie als Gewöhnung und der ahnungslose Hundetrainer als Trainingserfolg fehlinterpretiert –, oder die Manifestation seines Aggressionspotentials. In jedem Fall aber ist es eine unbedingt zu vermeidende Entwicklung, denn sie untergräbt nachhaltig das Vertrauensverhältnis zwischen Bezugsperson und Hund.

Ergo, empfehle ich dringend, von solchen stümperhaften Versuchen, den Hund von seinem unerwünschten Verhalten abzubringen, Abstand zu nehmen und ihn vor allem vor diesem Stress zu bewahren und ihm lieber eine vernünftige Erziehung angedeihen zu lassen. Denn Letztere entbindet ihn sogar von jeglichem Stress, da ihm die Verantwortung genommen wird.

Aber eine abschließende ironische Bemerkung kann ich mir nicht ersparen. In einem Fall beschreibt die Hundetrainerin die Zielstellung ihres „social walks“ mit den Worten: „Wir üben so lange, bis ihr Hund andere Hunde freundlich anschaut“. Hut ab; mir ist es bisher in meiner langjährigen Praxis noch nicht gelungen, mir die Fähigkeiten anzueignen, im Gesicht eines Rottweilers, Schäferhundes oder gar eines Pitbulls ablesen zu können, ab wann er seinesgleichen freundlich anschaut. Wahrscheinlich fehlen mir die Erfahrungen „geselliger Spaziergänge“!