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Was sind Redundanzen und Zielkonflikte in der Hundeerziehung?

Angebote wie Antijagdtraining, Antigiftködertraining, Trainings gegen Hund springt Besucher an oder … zieht an der Leine, Hund bellt am Zaun oder Hund bleibt nicht allein, Trainings zur Impulskontrolle bis hin zu Angeboten, die sich da nennen Futterspiele, Beutespiele, Schnüffelspiele etc. pp. – macht das alles Sinn?

Immer wieder bekomme ich Anfragen von Hundehalter(innen) zur Zweckmäßigkeit solcher Angebote, die ihnen von Hundeschulen oder Hundetrainern unterbreitet werden oder von denen sie gelesen haben.

Ich könnte es mir einfach machen und auf solche Fragen pauschal mit einem „Nein“ antworten. Aber einerseits sind dafür die sich hinter den einzelnen Trainings verbergenden Probleme zu different und bedürfen einer Begründung. Andererseits – und das ist viel bedeutsamer – verbergen sich hinter den Trainings zumindest in einigen Fällen sogar absurde Zielkonflikte.

Ein Teil dieser genannten Trainings – insbesondere die erstgenannten –, wenn sie als Einzelmaßnahmen angeboten werden, sind redundant und damit schlicht und ergreifend überflüssig, denn sie machen als solche einfach keinen Sinn. Will meinen, da die Ursache für die unterstellten unerwünschten Verhaltensweisen – deren Beseitigung das Ziel solcher Trainings sein sollte – für alle identisch ist und deshalb mit einem einzigen Training aus der Welt geschafft werden kann, ist hier die Absicherung durch Redundanz unnötig.

Redundanz macht in der Hundeerziehung im Gegensatz zur Ausbildung ohnehin keinen Sinn. Mir fallen in dem Zusammenhang immer die Beschreibungen zur Rolle der Redundanz als unverzichtbares Element zur Gewährleistung der Sicherheit von Hochrisikosystemen ein wie beispielsweise in der Luftfahrt. Um ein Flugzeug und seinen Betrieb sicher zu machen und im Falle von unvermeidbaren Ausfällen die möglichen Folgen zumindest zu minimieren, werden alle für die zuverlässige Funktion zuständigen Systeme und Prozesse immer mindestens einmal oder sogar mehrmals redundant installiert oder ausgeführt. Das heißt, bei Ausfall eines Systems steht immer noch mindestens ein zweites und gleiches System für den sicheren Betrieb zur Verfügung, obwohl es für den Normalbetrieb gar nicht notwendig ist. Und der Grad der Redundanz ist abhängig von der Wahrscheinlichkeit eines Systemausfalls und seiner Folgen. Je wahrscheinlicher und je folgenschwerer ein Ausfall ist, desto höher die Redundanz.

Aber ich denke, solche Szenarien sind in der Hundeerziehung eher fehl am Platz, auch wenn, etwas spaßig gemeint, so manche Hunde durchaus als Hochrisikosysteme eingestuft werden könnten. Aber das ist hier nicht gemeint. Deshalb genügt es in unserem Kontext, einen Hund im Rahmen einer einzigen Erziehung zum Zwecke der Beseitigung seiner unerwünschten Verhaltensweisen, die alle in einer einzigen Ursache begründet sind, aus der Welt zu schaffen.

Also macht es schlichtweg wenig oder vielmehr gar keinen Sinn, zur Beseitigung ein und derselben Ursache verschiedene oder mehrere Trainings redundant anzubieten. Außer natürlich – und das könnte eine Begründung sein, warum man es trotzdem macht – man hat diese eine Ursache überhaupt nicht als solche erkannt und doktert stattdessen mittels unterschiedlichster Methoden nur an den unterschiedlichen Symptomen herum.

Zu solchen unerwünschten Verhaltensweisen, die alle nur eine einzige Ursache haben und die in einem einzigen Training beseitigt werden kann, zählen das Zerren an der Leine, das ständige Bellen oder Verbellen, das Jagen, das Nicht-allein-sein-Wollen, aggressives Verhalten in allen Varianten einschließlich Leinenaggressionen bis hin zum unerwünschten Suchen und Verspeisen von Giftködern usw., usw.

Dieser eine Grund für die aufgezählten unerwünschten Verhaltensweisen findet sich in der dem Hund überlassenen Verantwortung verbunden mit einem ihm zugestandenen zu großen Entscheidungsspielraum.

Mit anderen Worten: Der Hund bräuchte nur erzogen werden und schon wäre der Grund für alle genannten Verhaltensweisen verschwunden, denn die Erziehung ist mit seiner Entbindung von der Verantwortung und der Einschränkung seines Entscheidungsspielraums identisch. Und das ist in einem einzigen Training möglich. Im Ergebnis dessen wird er beispielsweise auch sofort das Suchen von Ködern unterlassen und zumindest beim Auffinden vor dem Verspeisen um Erlaubnis ersuchen, denn sein (nicht vorhandener) Entscheidungsspielraum lässt eine andere Verhaltensweise quasi gar nicht mehr zu.

Nun will ich den Anbietern solcher redundanten Trainingsmethoden auf gar keinen Fall Böswilligkeit in Form einer Abzocke der ahnungslosen Hundehalter unterstellen, indem sie ihnen quasi eine ganze Serie von angeblich notwendigen Hundetrainings unterjubeln, obwohl nur ein einziges Erziehungstraining notwendig wäre. Sondern ich vermute eher, dass die Ideen zu solchen separat angebotenen Trainings wieder einmal im Nichtbeachten des Unterschieds zwischen Ausbildung und Erziehung begründet ist. Denn in der Ausbildung ist Redundanz durchaus angebracht. Wenn dem Hund beispielsweise Sitz, Platz & Co. oder irgendwelche Tricks und Kunststücke beigebracht werden sollen, macht es durchaus Sinn, ihm deren zuverlässiges und sicheres Beherrschen auf mehreren und unterschiedlichen Wegen beizubringen.

Aber wir reden hier nicht von der Ausbildung des Hundes, wenn es um die oben genannten unerwünschten Verhaltensweisen geht. Sie sind vielmehr begründet in einer nicht erfolgten Erziehung. Und für eine Erziehung ist in der Regel eine Redundanz unnötig.

Zum anderen aber gibt es bei einigen der genannten Trainings sogar einen Zielkonflikt durch konkurrierende Ziele, wodurch es durchaus zu paradoxen oder absurden Situationen kommt:

So ist es beispielsweise widersinnig, wenn man zunächst mit dem Hund so genannte

Beutespiele, Futterspiele oder Schnüffelspiele zelebriert, aus welchem unsinnigen Grund auch immer, bei denen man quasi die hündischen Fähigkeiten nicht nur zum Jagen, sondern auch zum Aufklären des Reviers trainiert, und sich anschließend aber darüber „wundert“, wenn er beim Stöbern in Mutters Natur plötzlich Meister Lampe oder den Rehen hinterherjagt oder gar Giftköder mit einem ausgeprägten Enthusiasmus sucht und frisst. Und dann kommt man auf die tolle Idee, dem naiven Hundehalter ein Antijagdtraining oder ein Antigiftködertraining unterzujubeln, bei dem diese Konditionierungen wieder rückgängig gemacht werden sollen. Das ist das Gleiche, als wenn ein Unfallchirurg seiner potentiellen Klientel beibringen würde, angstfrei so oft es geht, von hohen Bäumen zu springen.

Meistens werden solche unerwünschten Konditionierungen sogar ungewollt manifestiert. Nämlich immer dann, wenn Leckerlis als Ablenkung von einem unerwünschten Verhalten ins Spiel kommen. Beispielsweise hat mir eine Kundin berichtet, dass ihr allen Ernstes beim Besuch einer Hundeschule ein Training zur Impulskontrolle zum Zwecke der Unterbindung des Jagens geraten wurde, ihren Hund in kritischen Situationen durch eine mit Leckerlis gefüllte Federtasche abzulenken, nach der sie den Hund dann suchen lassen solle. Sie wunderte sich anschließend darüber, dass ihr Liebling von da an um so aktiver das Revier nach Beute erschnüffelte.

Auch deshalb kann ich immer wieder nur von der Anwendung von Leckerlis in der Hundeerziehung abraten. In der Ausbildung bzw. Dressur kann man meinetwegen das Tier mit Leckerlis zur Freude der Leckerliindustrie und des Tierarztes vollstopfen; aber in der Erziehung haben sie nichts verloren.