oder

Wie könnte Sokrates ihnen helfen, die Ursachen ihres Scheiterns selbst zu erkennen?

(Des angenehmeren Lesens wegen verzichte ich auf eine ideologiegeleitete Gendersprache, auch wenn ich alle Geschlechter meine.)

Immer und immer wieder stellen meine Kunden mir die gleiche oder eine ähnlich lautende Frage: „Warum wissen das die anderen Hundetrainer nicht?“

Mit „anderen Hundetrainern“ meinen sie die vielen von ihnen zuvor kontaktierten Gewerbetreibenden, die ihren Lebensunterhalt – wie es ihrer Gewerbeanmeldung zufolge und den darin anzugebenden Tätigkeitsmerkmalen nach unterstellt werden können muss – sowohl mit der Ausbildung als auch mit der Erziehung von Hunden bestreiten. Aber trotz der damit vorgegebenen Expertise versagen diese „Experten“ offensichtlich, und zwar insbesondere bei der Erziehung. Ich spreche hier also nicht von Hundeschulen oder Trainern, die ihre Dienste ausschließlich zum Zwecke des Einübens von Sitz, Platz & Co. – was der Ausbildung entsprechen würde – feilbieten. Nein, ich spreche hier ausdrücklich von Hundetrainern, die explizit vorgeben, ein Hundehalter könne sich auch zum Zwecke des Erziehens seines Vierbeiners vertrauensvoll an sie wenden. Womit laut Definition das Einflussnehmen auf das Dispositionsgefüge des Educandus (des zu Erziehenden) mit dem Ziel der Veränderung seines Sozialverhaltens gemeint sein muss. Denn nur dies entspräche dem Theorem der Erziehung.

Ich habe, wie meine Leser wissen, bereits in vielen meiner Artikel darauf hingewiesen, dass mich in erster Linie Hundehalter kontaktieren, die zuvor bereits mehrere und nicht selten sogar regelrechte „Irrfahrten“ – um das Wort Odyssee nicht überzustrapazieren – an gescheiterten oder erfolglosen Hundeschulbesuchen absolvieren mussten. Und dies, obwohl sich unter ihnen bzw. deren Hundetrainern – worauf ich ebenso schon mehrmals hingewiesen habe – recht bekannte oder sogar populäre befinden, die durch ihre öffentliche Präsenz offenbar ein hohes Maß an unterstellter Fachkompetenz genießen dürfen. Trotzdem aber scheitern diese „Fachexperten“ an dem Versuch, einen Hund, der sich intraspezifisch oder auch interspezifisch auffällig oder unverträglich verhält, von unerwünschten Verhaltensweisen zu befreien. Soll heißen, auch wenn ich mich damit wiederhole, sie versagen nicht bei der Dressur des Hundes – sprich Ausbildung – sondern bei seiner Erziehung, womit das gesamte Spektrum seines sozialen Verhaltens gemeint ist, angefangen bei A wie Aggressionen aller Art bis Z wie das nervenden Zerren an der Leine.

Wenn Kunden mit solch negativen Erfahrungen, die sich oftmals schon in einer regelrechten Verzweiflung oder gar Resignation manifestiert haben, zu mir kommen und wir dann die gewünschte Verhaltensänderung ihres Vierbeiners zu ihrer großen Überraschung in der Regel bereits innerhalb eines einzigen Trainings erreichen, registriere ich bei ihnen nicht selten eine Art ungläubige Fassungslosigkeit. Und dies nicht nur wegen des schnellen Erfolgs, deshalb natürlich auch, sondern in erster Linie wegen der offensichtlichen Einfachheit der Lösung ihres „Problems“ und der sich ihnen meistens auch sofort erschließenden Logik der Problemlösung. Und diese Kombination aus vorheriger schierer Verzweiflung oder empfundener Aussichtslosigkeit und der sich nun plötzlich im Grunde genommen als simpel erweisenden Lösung verleitet dann so manch einen Kunden zu der eingangs erwähnten Fragestellung. Denn wenn sich die Lösung schon ihnen als relative Laien als simpel und logisch offenbart, warum dann nicht den vielen sogenannten und gut ausgebildeten Fachleuten?

Als einleuchtend erscheint es ihnen, was sie im Rahmen des Trainings erleben, deshalb, weil es darauf hinausläuft, dem Hund lediglich den Grund für sein unerwünschtes Verhalten zu nehmen. Denn es erschließt sich ihnen sofort, dass eine nachhaltige Verhaltensänderung des Hundes nur dann erreichbar ist, wenn er sich anschließend aus ureigenem Interesse anders verhält als zuvor. Und dies tut er nur dann, wenn sich der Grund, warum er sich so verhalten hat wie er sich bisher verhalten hat, quasi in Luft auflöst – und nicht etwa, weil er dafür eine Belohnung erhält, so wie sie es meistens in den zahlreichen zuvor gescheiterten Hundeschulbesuchen erleben mussten. Denn durch solche Dinge wie Belohnung, „positive Bestärkung“ oder sonstiger Firlefanz, der als vermeintliche Erziehungsstrategien angeboten oder empfohlen wird, was alles nichts anderes ist als ein Versuch der Ablenkung, wäre ja der Grund des bisherigen Verhaltens nicht plötzlich verschwunden. Und auch nur dann, wenn im Rahmen des Trainings auf eines der Verhaltensgründe Einfluss genommen wird, kann man von einer Einflussnahme auf das Dispositionsgefüge des Educandus sprechen. Und dies tun wir, indem wir ihn durch eine Verhaltensänderung ihm gegenüber von seinem Konflikt befreien, in dem er sich in der Regel durch ein bisher falsches Verhalten seines Halters ihm gegenüber befand; simultan gepaart natürlich mit der Korrektur seines unerwünschten Verhaltens, so dass ihm „bewusst“ wird, dass es einerseits keinen Grund mehr gibt, sich so zu verhalten wie er sich bisher verhalten hat und andererseits dieses Verhalten aber auch nicht mehr erwünscht ist.

Ich gebe zu, bei der eingeforderten Beantwortung der Frage, warum dies andere Hundetrainer nicht wüssten, tue ich mich relativ schwer. Denn ich begebe mich dabei gefühlt, wie ich es in einem anderen Zusammenhang auch schon beschrieben habe, jedes Mal auf eine Gratwanderung, die leicht als Diskreditierung oder „Nestbeschmutzung“ missdeutet werden kann. Zumal man davon ausgehen sollte, dass das Versagen oder Scheitern solcher Hundetrainer nicht willentlich oder gar in böser Absicht geschieht, sondern eher in der vollen Überzeugung von der Richtigkeit ihres Handelns. Was es aber eher um so bedenklicher macht.

Nur, wenn dies so ist, muss doch die Frage gestattet sein, warum es trotz der geforderten Ausbildung und Qualifikation eines Hundetrainers einschließlich der für eine gewerbliche Tätigkeit geforderten Zertifizierung nach §11 Abs. 1 Nr. 8f des Tierschutzgesetzes, die in der Regel durch einen Amtstierarzt bescheinigt wird, eine so große Anzahl an Hundetrainern gibt, die über das notwendige Fachwissen schlicht und ergreifend nicht verfügen?

Ich habe über diese Frage mit vielen Experten anderer Fachgebiete gesprochen und eine interessante Wichtung von Begründungen erhalten. Denn über solche gar nicht mal so seltenen Phänomene der fachlichen Inkompetenz klagen auch sie. Man könne sie u.a. immer dann ausmachen, wenn die betroffenen Personen oder Personengruppen durch ein und dieselbe Schule gegangen oder beeinflusst seien. Womit nicht unbedingt ein und dieselbe Lehreinrichtung gemeint sein muss, sondern eher ein und dieselbe Lehrmeinung, die oftmals von falschen Idolen, die für sich selbst die Kompetenz-Führerschaft in Anspruch nehmen, vertreten wird und so zu scheinbar unangreifbaren Grundsätzen entartet ist. In der Wissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang auch vom Handeln unter Einfluss falscher Axiome. Woraus sich auch die Pflicht zur Falsifikation herleitet, wonach eine Theorie erst dann als wahr angenommen werden darf, wenn es trotz allen Bemühens nicht mehr gelingen sollte, einen Gegenbeweis zu erbringen. Ich selbst musste bezüglich meiner Versuche der Falsifikation solcher Axiome bitterböse Reaktionen einstecken und übelste Beschimpfungen ertragen. Denn die Vertreter solcher Lehrmeinungen reagieren sehr empfindlich auf Kritik an ihren Axiomen. Deshalb glaube auch ich, dass die Crux in der Ausbildung der Hundetrainer zu finden ist. Eine unheilvolle Allianz bildet dabei das Zusammenspiel mit den Medien. Gefühlt gibt es ja kaum einen Tag, an dem nicht in irgendeinem Fernsehsender ein sogenannter Hundeexperte seine „Fachkenntnisse“ zum Besten gibt, die oftmals unisono stets dem gleichen Tenor entsprechen und meistens von einer hanebüchenen Unkenntnis zeugen.

Insofern ist es für mich auch schwer, so ich wollte, Hundetrainer vom Gegenteil zu überzeugen, von dem sie durch ihre Ausbildung und den Medieneinflüssen überzeugt worden sind. (Nebenbei bemerkt: Warum man überzeugte Menschen kaum vom Gegenteil dessen, wovon sie überzeugt sind, überzeugen kann, habe ich in einem der vorherigen Artikel, nachdem ich darüber mit einem Kognitionswissenschaftler sprach, bereits erläutert.)

Deshalb lassen Sie es mich einmal mit Sokrates versuchen, dem Altvater der Philosophie. Auch wenn von ihm wohl keinerlei Schriften überliefert sind, haben seine Schüler Platon und Xenophon nach seinem Tode doch so manches Wissenswertes über ihn hinterlassen. So auch die ihm zugeschriebene Methode der Aufklärung, indem er den Athenern nicht selbst versuchte, die Welt zu erklären, sondern sie stattdessen mit Fragen konfrontierte und sie diese beantworten ließ, um sie so ihres Nichtwissens bewusst werden zu lassen.

In diesem Sinne stelle auch ich dann gerne Fragen und überlasse deren Beantwortung meinen Gesprächspartnern. Anschließend konfrontiere ich sie dann mit den aus ihren Antworten sich logisch herleitbaren Konsequenzen, so dass sie sich selbst der Absurdität ihrer „Weisheiten“ bewusst werden.

Wie Sie sicherlich unschwer erahnen können, handelt es sich bei meinen Fragen um solche, die sich auf die Gründe beziehen, warum ein Hund sich so verhält wie er sich verhält. Denn das korrekte Benennen dieser Verhaltensgründe wäre ja schon ein guter Ansatz zur Lösung des jeweiligen Problems, wenn wir davon ausgehen können, dass die Erziehung nichts anderes ist, als die Einflussnahme auf das Dispositionsgefüge durch die Einflussnahme auf den Grund des Verhaltens. Aber wie Sie wohl auch erahnen, sind die Antworten, so mir mal ein Euphemismus gestattet sei, alles andere als meinem Berufsstand zur Ehre gereichend, um nicht zu sagen sie zeugen oftmals von einer abgrundtiefen Ahnungslosigkeit.

Um sich selbst zu testen, versuchen Sie doch einmal, folgende Fragen zu beantworten, auch wenn Sie nicht über das Fachwissen eines Hundetrainers oder gar Tiertherapeuten verfügen sollten. Oder stellen Sie diese Fragen doch einmal einem der Ihnen bekannten Hundetrainer. Und vergleichen Sie die Antworten dann mit denen in meinen Fachbüchern. Denn auf jede der folgenden Fragen finden sie dort eine passende:

So versuchen Sie einmal den Grund konkret zu benennen, warum der eine Hund sich aggressiv gegenüber Menschen oder Artgenossen verhält und warum ein anderer, gleichrassiger Artgenosse zahm wie ein Lamm zu seien scheint?

Oder worin besteht der Grund für den einen Hund wie besessen – und sich dabei beinahe selbst erwürgend – an der Leine zu zerren, während letztere bei einem anderen noch nicht einmal notwendig wäre, um ihn „Bei Fuß“ laufen zu sehen?

Warum markiert der eine Hund das Revier, als leide er unter einer Blasenschwäche, wobei ein anderer lediglich pinkelt, wenn er muss?

Oder warum markiert der eine mit erhobenem Hinterlauf und der andere wie ein „Mädchen“, obwohl beides Rüden sind?

Warum attackiert der eine Hund ein Kind der eigenen Familie und zerfleischt sein Gesicht bis zu Unkenntlichkeit, aber ein anderer Hund der gleichen Rasse und auch aus der gleichen Zucht verteidigt Kinder unter Einsatz seines eigenen Lebens?

Welcher Grund besteht für den einen, das Spazierengehen für sein Herrchen zum regelrechten Überlebenskampf ausarten zu lassen und sich wie ein Leinenrambo aufzuführen, der scheinbar jedem ihm über den Weg laufenden Artgenossen die Kehle durchbeißen wolle, obwohl ein anderer tiefenentspannt und einem Phlegmatiker gleich neben seinem Frauchen läuft, ohne von seinen Artgenossen auch nur eine Notiz zu nehmen?

Warum kläfft und verbellt der eine wie irre hinterm Gartenzaun alles, was sich auch nur nähert und der andere ruht quasi in sich selbst und lässt sich selbst vom Postboten umarmen?

Aber eines der interessantesten Fragen, an der sich oftmals schon Spreu vom Weizen trennt, wie man so schön sagt, ist die nach dem Grund, warum ein Hund mit der Rute wedelt. Aber sagen Sie jetzt nicht: „Weil er sich freut!“ Das wäre die falsche Antwort.